Wahnwitz am Wochenende

Ich war vor einiger Zeit im Großraum Aachen tätig. Man kann durchaus tätig sagen, denn es war doch ziemlich anstrengend.

Am frühen Donnerstagnachmittag machte ich mich auf den Weg zu meinem Vater und war wohl gegen 20:30 endlich da. Fast pünktlich zu Germanys Next Topmodel, was mir bei meinem Vater irgendwie nie erspart bleibt. Nach dem üblichen Informationsregen über Papas Lena, kuschelte ich mich irgendwann mit meinem Laptop auf die Couch, trank 3 Dosen Mädchenbier und schlief, noch während ich Steve McGarrett anschmachtete, ein.

Freitagmorgen wachte ich auf, mir war komisch. Ich glaubte, es sei Hunger und trank einen Kaffee. Mir war immernoch komisch, also folgte ich dem Rat meines Vaters und wollte mir ein Brot machen. Ich hatte die Brottüte grade auf, da entschloss ich mich, doch erstmal ins Bad zu gehen. Das war definitiv die bessere Entscheidung, denn andernfalls hätte ich wohl den restlichen Vormittag damit verbracht, die Küche zu putzen und ich hatte ja schließlich noch den Auftrag, Papas Felgen zu putzen.

Mein Vater, mit seinem sagenhaften Talent, mich in Panik zu versetzen, fragte scherzhaft "Biste schwanger?". Ich bekam große Augen, überlegte wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, kam zu dem Schluss, dass es praktisch unmöglich ist und schickte ihn los, mir einen Schwangerschaftstest holen. Man muss dazu sagen, dass ich seit geraumer Zeit ein Problem mit meiner Periode hab. Ich bekomme sie unzureichend bis gar nicht.

Der Test war negativ, mir ging's wieder besser.

Nachdem ich dann also eine Stunde Papas Felgen geschrubbt und weitere 20 Minuten versucht habe, meine Finger wieder sauber zu bekommen, fuhren wir in die Stadt. Ich bekam ein sehr schönes T-Shirt mit einem bösen Freddy Krüger auf der Vorderseite und sehr großzügigen Cutouts auf der Rückseite. Ich könnte es theoretisch auch als Kleid tragen, allerdings sollte ich Stringtangas dann vermutlich meiden. Bei C&A fand meine Cousine ein sehr schönes, schwarze Kleid, dass sie an sich selbst zwar unmöglich fand, weil sie immernoch der Meinung ist, sie sei fett, aber an mir eine gute Figur machte. Papa übernahm die Kosten und befand, dass ich noch passende Schuhe dazu bräuchte. Die gabs allerdings erst am nächsten Tag.

Ich rief stattdessen meine Mutter an und kündigte mein Erscheinen für Abends an. Schließlich hatten wir ja noch was zu klären. Das "Klären" lief darauf hinaus, dass sie sich ziemlich übel betrank und mir immer wieder erzählte, dass ich zwar ein furchtbarer Mensch bin, sie mich aber trotzdem liebt. So weit so gut. Danach verlangte sie von mir, dass ich wieder ein Verhältnis zu ihr aufbaue. So weit so gut. Ich versprach, mich regelmäßig zu melden. Das tue ich tatsächlich. Das lief die ersten beiden Telefonate auch wirklich toll. So weit so gut...

Ich habe jetzt seit etwa einer Woche nichts von ihr gehört, obwohl sie versprach, mich zurückzurufen. Auf der Arbeit erreich ich sie nicht, Zuhause auch nicht. So weit so... Von wegen! Es nervt mich. Tierisch!

Ich weiß genau, worauf das hinaus laufen wird. Wir werden zwei Monate nicht miteinander sprechen. Danach wird sie in einer spontanen Eingebung von Vollrausch bei mir anrufen und mir Vorwürfe machen, dass ich mich nie bei ihr melde. Ist das fair? Natürlich nicht. Kann ich was dagegen tun? Natürlich nicht...

Ich ruf also weiterhin täglich bei ihr auf der Arbeit an und lasse mich, wenn sie denn mal ran geht mit "Ich hab grade keine Zeit." abspeisen. Normalerweise haben Menschen auf der Arbeit tatsächlich nicht so viel Zeit. Sie schon, sie arbeitet im öffentlichen Dienst. Zuhause hat sie ebenfalls keine Zeit.

Es nervt... tierisch... Aber es tut nicht mal mehr weh. Finanziell vielleicht ein bisschen, falls ich den ÖD-Kinderzuschlag nicht mehr bekommen sollte. Aber was soll's? Wenn das Theater dann endlich ein Ende hat, verzichte ich gerne auf 100 Euro extra. Wird es aber vermutlich nicht. Also rufe ich weiterhin an. Schließlich ist sie meine Mutter.

7.6.11 18:38


Flüchtig

Hachja, ich bin ein Feigling. Prinzipiell ist das nichts Schlimmes, glaube ich. Vermutlich, nein, eigentlich absolut sicher fürchte ich mich vor den falschen Dingen oder aber ich wehre mich so sehr dagegen, dass meine Ängstlichkeit zu den falschen Momenten ausbricht und es gefährlich wird. So kam es auch, dass ich in Osnabrück aus dem ersten Stock eines Wohnhauses gesprungen bin.

Kevin war damals einer meiner engsten Vertrauten, auch wenn ich ein bisschen Schiss vor ihm hatte. Kevin war riesig und wenn er betrunken war, bekam er die totale Marie-Paranoia. Marie war damals das Mädchen, in die er vor Anja und nach Saskia verknallt war. Kevins Gefühle waren ebenfalls riesig. Wir waren also im Hyde Park, ich war betrunken, Kevin war betrunken und sein komischer Kumpel, den wir liebevoll "Die Pussy" nannten, war nüchtern.

Als wir in der Wohnung der Pussy waren, hatte ich schon einen Zustand völliger Reizüberflutung, denn Kevin hatte mich immer wieder an sich gezogen, weil er meinte, mich vor Fledermäusen, Autos und der Pussy selbst zu beschützen. Die totale Panikattacke bekam ich allerdings, als Kevin anfing, die Pussy anzuschreien und die Pussy mich daran hinderte, einfach aus der Tür zu laufen. Also rannte ich ins Schlafzimmer, dunkel in Erinnerung habend, dass ein Baugerüst vor dem Fenster steht, riss Selbiges auf und hüpfte heraus. Ich landete bäuchlings auf dem Gerüst, krabbelte runter, ging durch mehrere Hecken und über mehrere Zäune und stand irgendwo in Osnabrück. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wo ich war und es schüttete wie aus Eimern. Gott sei Dank hatte ich einen Freund bei der örtlichen Polizei, der mich abholte, nach Hause fuhr und mir vermutlich sofort bescheinigt hätte, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hab.

Das war nicht das erste Mal, dass ein Mann mir einen derartigen Schrecken eingejagt hat, dass ich Hals über Kopf die Flucht ergriffen habe.

Es war fast wieder so weit, als vor einiger Zeit mit Matze verabredet war. Matze ist ebenfalls riesig und ich hatte auch ein wenig Muffe vor ihm. Wir hatten uns einige Filme angeguckt und ich hatte ein paar Flaschen Mischbier getrunken. Jedenfalls genug, um nicht mehr fahrtüchtig zu sein. Gegen 2 fragte Matze, ob ich mit bei ihm im Bett schlafen will oder lieber auf der Couch. Mir war das zu dem Zeitpunkt völlig egal. Ich war müde und angetrunken. Matze war so nett, mir Shorts und ein T-Shirt zu leihen.

Keine 10 Minuten später lag ich neben ihm und spürte dieses altbekannte flaue Gefühl. Normalerweise bahnt sich kurz darauf eine Katastrophe an. Ich lag da also, neben einem Typen, den ich kaum kannte, trug seine Klamotten und wusste nichtmal, ob er nicht möglicherweise eine Vollmeise hat und mit mir sonst was anstellt. Matze ist allerdings sensibler, als er aussieht. "Falls ich irgendwas mache, dass dir nicht passt oder du Angst vor mir hast, brauchst du nur einen Ton sagen." Verdammt! Ich bin normalerweise gar nicht so schlecht im Täuschen und Tarnen, aber in dem Fall war's wohl gut, dass er mich durchschaut hatte. Andernfalls hätte ich wohl mitten in der Nacht, in Shorts und T-Shirt irgendwo in Kiel gestanden und sonst was Dummes angestellt.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass das eigenartig klingt. Insbesondere, wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass ich mir auch vorher schon Gedanken darum machen könnte, ob mir jemand  oder etwas gefährlich werden könnte, oder nicht. In dem Punkt bin ich wohl einfach zu leichtsinnig

Drastisch wird es erst, wenn ich der Meinung bin, ich könnte verliebt sein. Ich wehre mich gegen dieses Gefühl. Immer. Ziemlich erfolglos, muss man dazu sagen. Schon bei dem ersten Anzeichen von Schmetterlingsflügelschlag in der Bauchgegend werde ich gradezu hysterisch. Betreffende Person bekommt davon nicht viel mit, mein engster Freundeskreis spürt die komischen Schwingungen wahrscheinlich schon, bevor ich selbst weiß, was los ist. Bei Bine hab ich zeitweise sogar das Gefühl, dass sie weiß, was ich denke, bevor ich darüber nachgedacht habe. Sie nennt es meine Tremor-Phase. Das erklärt sich daraus, dass ich angespannt wie ein Flitzebogen durch die Tage zittere und nicht eine Minute still sitzen kann. Ich bekomm davon nie viel mit, weil ich erste Anzeichen von egal was mit allen Mitteln verdränge. Zur Not mit einer Menge Alkohol. Es ist nicht gerade förderlich, dass Bine mich besonders in punkto Alkohol tatkräftig unterstützt. Denn meistens bewirkt diese Verdrängungstaktik das genaue Gegenteil. Falsch ausgeführt rede ich wie ein Wasserfall über alles, was mich bewegt und kann mich am nächsten Morgen noch haarklein an den ganzen Mist erinnern. Danach leide ich ganze Wochen an Hypernervosität und mein Vegetativum dreht förmlich durch. Das kann echt üble Bauchschmerzen geben. Aber statt dem Debakel ein Ende zu bereiten und einfach mit betreffender Person über meinen spontanen Hormonrausch zu reden, entwickel ich ein Art multiples Verhaltensmuster. Unbewusst, versteht sich. Ich kann mich da nur auf Beobachtungen Dritter verlassen.

Das Ziel des Autoterrors ist dabei eigentlich, mich vor möglichen Verletzungen zu schützen. Zu behaupten, dass es funktioniert, wäre allerdings zu viel des Guten.

 

10.5.11 11:25


Ich bin keine Furie

Mein Leben ist ein Chaos. Mittlerweile bin ich so weit, dass ich mir Chaos Queen als Künstlernamen pachten will. Es gibt eigentlich keinen Tag, an dem ich nicht mit einer Hand voll Probleme zu kämpfen habe. Entweder sitzen meine Haare nicht, meine Hände sind trocken und rissig, ich bin pleite, streite mich mit Vodafone, mein Tank ist leer oder mein Liebesleben liegt brach.

Im Moment liegt mein Liebesleben nicht brach. Im Moment macht mein Liebesleben mich irre. Schuld daran ist das Parfüm. Okay, nicht nur das Parfüm. Christian ist auch daran schuld.

Ich kenne Christian, seitdem ich 15 bin. Er hat mir schon schmutzige Komplimente gemacht, da war ich noch mit Danni zusammen. Danni hat das Gott sei Dank nie rausbekommen. Als ich dann nicht mehr mit Danni zusammen war, haben Chris und ich viel rumgehangen. Seine Familie hatte mich ein bisschen adoptiert, weil ich auch in der 9. Klasse schon der totale Sozialfall war. Papa hatte es weder mit Kochen, noch regelmäßigem Einkaufen. Wir haben also die meisten Nachmittage bei ihm Zuhause gesessen, auf seine Nichten aufgepasst und manchmal auch rumgeknutscht. Abends hat er mir dann heiße Sachen per Messenger geschickt.

Kurz vor meinem 18. Lebensjahr zog ich nach Osnabrück und wir sahen uns immer seltener. Kurz nach seinem 18. Geburtstag lud er mich zu sich ein und wir hatten eine Menge Spaß miteinander

Die Jahre zogen ins Land, er hatte eine 3-jährige Beziehung am Hals und wir hörten nicht mehr so oft voneinander wie damals.

Das änderte sich vor einiger Zeit. Chris ist mittlerweile erwachsen mit Verantwortungsgefühl, geregeltem Einkommen, abgeschlossener Ausbildung und Bartwuchs. Ich habe mich kaum verändert. Ich habe nur den Panzer aus Coolness, Arroganz und vorgetäuschter Einfachheit abgelegt. Chris hat das charmanter ausgedrückt. "Du bist zärtlicher geworden." So kann mans natürlich auch sehen.

Hatte ich meinen Wahnsinn damals noch relativ gut im Griff, weil ich entweder total high war oder mich mit spitzen Gegenständen malträtiert habe, bin ich dagegen jetzt ein gefühlsgesteuerter Ausbund an Irrsinn. Gott sei Dank bekommen das meistens nur meine Freunde ab. Nimmt die Durchdreherei überhand, gibts eben Pizza oder Kakao.

Zurück zu Chris: Wir hatten diese Woche intensiven Kontakt. Sehr intensiv und ich schnurre jetzt noch leise vor mich hin, wenn ich die Augen schließe. Weiß der Kuckuck, was ich davon halten soll. Angefangen hat das Desaster am Samstag. Chris hatte Zeit, kam mit meiner Cousine, ihrem Freund, meinem Vater und mir mit nach Aachen. Er fragte mich, ob ich Lust hätte, mit zu ihm zu kommen. Er würde auch für mich kochen. Es gab Italienisch mit portugiesischem Wein. Danach guckten wir den Superheldenkram auf Pro 7, kabbelten uns freundschaftlich und plötzlich lag er auf mir drauf. Mir schlug eine gigantische Welle Bruno Banani entgegen. Meiner Meinung nach gehört dieses Parfüm verboten. Wahrscheinlich besteht es hauptsächlich aus Pheromonen. Mein Kopf schaltete sich jedenfalls aus. Dann bekam Chris diesen Blick. Alles was danach passierte ist nicht jugendfrei.

Der Sonntag lief ähnlich ab. Ich übernachtete bei Chris und schwebte auf einer Wolke aus Befriedigung und parfümumnebelter Zufriedenheit.

Montag passierte dann etwas Unvorhersehbares. Wir texteten und plötzlich sprach er von Gefühlen und Beziehung. Wow, das war hart. Mit Sex und Freundschaft konnte ich umgehen. Aber er war mit seinem Penis, dem Parfüm und seinen Gefühlen auf mich losgegangen. Ich bin seit 7 Jahren immer mal wieder in ihn verliebt, aber glaubte immer, er will nicht. Ich hatte mich wohl getäuscht. Gott sei Dank? Ja vermutlich.

Dummerweise ist er Soldat und hockt in Gremersheim. Zumindest kann er für Lau Zug fahren. Trotzdem hab ich die totale Panik. Ich mag Chris. Er ist immer in regelmäßigen Abständen durch mein Leben und meine Träume gegeistert und ich sollte Saltos vor Freude machen, dass er seit mehreren Jahren hinter mir her ist.

Wir hatten ja sowieso eine Wette am laufen, dass wir heiraten, wenn wir beide 30 sind und immernoch Single. Warum nicht vorher zueinander finden?

Ich hab trotzdem Schiss. Wenn es nur so eine fixe Idee von ihm ist? Sollte das der Fall sein, werde ich ihn wohl umbringen müssen.

Naja, vielleicht auch nicht. Immerhin bekam ich vor wenigen Minuten Folgendes per SMS: "Ich hab dich lieb! Wir bekommen das hin. :-* "

29.4.11 15:12


Erstaunlich.

Ich muss ja ehrlich sagen, dass ich nie großartig das Gefühl hatte, irgendwo hinzugehören. Ich hatte immer überall verstreut Leute, die mich mochten und denen ich zumindest halbwegs vertrauen konnte.

Trotzdem gab es nie irgendetwas Haltbares. Ich kam immer überall mehr oder weniger gut zurecht, ohne mich groß anpassen zu müssen. Ich dachte immer, das wäre ein Vorteil, bis sich irgendwann herausstellte, dass es eigentlich ganz schön mies ist, nirgends verwurzelt zu sein.

Aber grade jetzt, wo ich wieder eine meiner Flucht-Phasen hatte, bin ich doch ganz froh, dass ich in dieser Gegend doch langsam Fuß gefasst habe. Selbst wenn ich mal wieder den absoluten Drang habe, ganz weit abzuhauen, alles hinzuschmeissen und irgendwo von Vorn anzufangen, gibt es immernoch eine Hand voll Menschen, die ich einfach nicht hinter mir lassen kann. Ich lieb euch, ehrlich! :-*

17.4.11 20:04


Tage, wie dieser...

Verdammt, verdammt, verdammt! Ich verrenn mich schon wieder in Dinge, die mir bestenfalls nur ein paar blaue Flecken einhandeln. Schlimmstenfalls mach ich mich zum Vollidioten und steh am Ende mit dem Gefühl da, alles falsch gemacht zu haben, was man nur falsch machen kann.

Angefangen hat die Sache wohl mit Bine und Kühn und dem Umstand, dass ich den ganzen Firlefanz nicht mehr ertragen hab. Richtig schlimm wurde es aber erst durch meine abartige Spontanität und einer ziemlichen Menge Alkohol. Das Resultierende aus den beiden Faktoren lasse ich jetzt einfach außen vor.

Der Punkt ist Folgender: Ich sitze, warte und hoffe auf irgendwas. Ich weiß nur nicht, auf was. Es ist doch immer das Selbe!

13.4.11 18:32


Ich muss ja ehrlich gestehen, ich versteh von Männern nicht viel. Ich versteh allerdings auch von Frauen nicht viel. Von Kindern schonmal garnicht. Pauschal kann man also behaupten, ich habe keine Ahnung von Menschen.

Das ist ein tragischer Umstand, denn es gibt ja nur etwas mehr als 6 Milliarden. Mein Glück ist allerdings, dass ich mit höchstens 50 regelmäßig zu tun habe und allenfalls ein paar 100 kenne. Dummerweise häufen sich meine Bekanntschaften besonders nach einem feuchtfröhlichen Wochenende und nicht selten sehe ich mich in der Fußgängerzone Fremden gegenüber, die nicht nur freundlich grüßen, sondern auch meinen Namen kennen. Ich hingegen wär in solchen Situationen schon froh, wenn ich wenigstens einen Bezug zum betreffenden Gesicht herstellen könnte. Hin und wieder kann ich das. Meistens bleibt mir das Gesicht genauso fremd wie vorher.

Peinlich ist es allerdings bei Stefan Haß. Ich kenn das Gesicht eigentlich sehr gut, denn ich habs mal geküsst. Begegne ich ihm auf offener Straße, müssen die Brechung der Sonnenstrahlen, Luftwirbel oder irgendwas seine Gesichtszüge derart verfälschen, dass ich ihn nicht erkenne. Das ist ziemlich blöde, denn so kann ich ihm nicht aus dem Weg gehen, was ich wirklich gerne tun würde. Denn Stefan hat dieses Talent, mir wirklich unangenehme Momente zu bescheren. Den Ersten gabs gleich 2 Wochen, nachdem ich ihn geküsst hatte und abgeblitzt war. Ich saß ihm eine halbe Std. im Zug gegenüber, hörte fröhlich Musik, als er mir ans Bein tippte und mich anmaulte, ich hätte wenigstens grüßen können. Mein Gedächtnis arbeitete auf Hochtouren und als gewünschte Erinnerung dann endlich gefunden war, kroch mir Tomatenröte vom Hals bis zu den Haarwurzeln. Gott sei Dank schob er den Vorfall auf meine Bockigkeit und ließ mich danach in Ruhe. Die zweite Runde in diesem dämlichen Spiel verlor ich wieder. Es war 6 Uhr in der Früh, ich saß am Oldenburger Markt, wartete auf einen Bus. Ich war müde, mir war schlecht und meine Laune lag irgendwo zwischen tot und tötlich. Ich wollte also wirklich niemanden kennen. Stefan stand wohl schon eine Weile hinter mir, räusperte sich irgendwann und sagte "Moin". Ich drehte mich um und starrte ihn verwirrt an. Bis der Groschen fiel, was um die Uhrzeit noch länger dauerte, als ohnehin schon. Diesmal war er wirklich beleidigt, bemühte sich aber um klare Verhältnisse und entschuldigte sich für den Abend, der schon Monate zurück lag. Meine Bemühungen beschränkten sich darauf, zu nicken und ihm nicht in den Schoß zu kotzen, denn die Busfahrt verlangte mir einiges ab. Ich bin kein guter Morgenmensch.

Carsten, mein Exfreund, zählt zu den Unvergesslichen. Unsere Beziehung fing körperlich an und blieb auf diesem Niveau. Ich kann zwar nicht abstreiten, dass es kribbelte, wenn ich ihn sah, aber die ganze Schose "Beziehung" zu taufen, ist auf seinem Mist gewachsen. Was er sich dabei gedacht hat, wusste er vermutlich selbst nicht. Aber das war auch egal, wir kamen gut aus. Das ganze hielt ungefähr 3 Monate und zeichnete sich dadurch aus, dass ich viel Zeit im Zug verbrachte und danach mit unheimlich gutem Sex belohnt wurde. Wirklich Schluss gemacht haben wir nie. Es herrschte nur plötzlich ein Jahr Funkstille, mit der wir beide gut leben konnten. Jetzt ist es so, als wäre nie etwas gewesen. Ich mag ihn dafür. Er ist herrlich unkompliziert.

Mit Timo lief das leider nicht so. Ihn habe ich wirklich über alles geliebt und hätte vermutlich alles stehen und liegen gelassen, wenn er mich darum gebeten hätte. Wir hatten eine tolle Zeit. Aber auch die war irgendwann vorbei und danach wurde es wirklich schwierig. 2 volle Monate oder länger hingen wir noch aufeinander, einzig und allein deshalb, weil ich nicht loslassen konnte und er sich vor der Konsequenz fürchtete, zu gehen. Wenn ich ihn jetzt sehe, ist es eine Mischung aus Freude und Übelkeit. Wir gehen derart vorsichtig miteinander um, als wäre das "gute Verhältnis", was wir erzwungenermaßen führen, zerbrechlicher als Glas.

Dann wäre da noch Benni. Benni ist einer der wichtigsten Menschen, was sich hauptsächlich daraus begründet, dass ich ihn seit über 10 Jahren kenne. Das macht ihn zu einer der wenigen Konstanten in meinem Leben und dafür bin ich ihm echt dankbar. Es ist ein kleines Wunder, dass er es überhaupt schon so lange mit mir aushält, denn ich war nicht immer wirklich nett oder freundlich. Er behauptet, meine Launen würden den Umgang mit mir spannender machen. Schuldgefühle und Gewissensbisse sind zwar nicht die Art von Spannung, die ich bevorzuge, aber eigentlich hat er Recht. Wäre es nicht ein ewiges Hin und Her, wäre ihm das alles wahrscheinlich längst zu langweilig geworden. Er würde jedenfalls alles für mich tun, was er schon viel zu oft unter Beweis gestellt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob ich einen Menschen jemals so oft verletzt und enttäuscht habe.

Diejenige, die sich mit meinen Verfehlungen und Unfällen rumschlagen darf, aber trotzdem immer wieder einen Weg findet, den Witz in der Sache zu erkennen, ist Bine. Wir haben uns vor etwas mehr als 2 Jahren in dieser wahnsinnigen Grone-Schule kennengelernt. Nach weniger als einer Stunde hatten wir beschlossen, uns sehr sympathisch zu finden. Seitdem ist viel passiert und wir haben einiges miteinander durchgemacht. Bines Tiefpunkt folgte wenige Monate auf meinen. Irgendwie schafften wir es, uns gegenseitig wieder aufzurappeln und das hat das marginale Vertrauen, das zuvor bestand, in eine der wenigen ernsthaften Mädchenfreundschaften verwandelt, die mir wirklich gut tun. Rein äußerlich könnten wir nicht gegensätzlicher sein, aber unsere Charaktere und Eigenschaften, Interessen und Leidenschaften liegen derart eng beieinander, dass es manchmal schon fast gruselig ist. Wir haben das unschlagbare Talent, jeden auf die Dauer irre zu machen und die verfeierten Nächte oder gemütlichen Abende finden immer im gegenseitigen Einverständnis statt. In der Schule galten wir recht schnell als dynamisches Duo und wenn wir auch für den Löwenanteil der Unterrichtsstörungen sorgten, waren die Lehrer doch immer ganz froh, wenn wir da waren. Eigentlich leidete jeder mal unter unseren seltsamen Ausbrüchen. Wir hatten die Leute schon ganz gut im Griff. Aber auch außerhalb der Schule hatten wir viel miteinander zu tun, haben es auch jetzt noch. Schon unsere Shopping-Eskapaden sind legendär. Denn sie weckte mein Verlangen nach immer mehr Schuhen und ich zwinge sie durch meine Spontanität regelmäßig zu irgendwelchen Ausflügen zu Takko oder Jawohl, was danach meist mit diversen Paaren neuer Schuhe und Kleidungsstücken in einer Fastfood-Orgie bei Mc Donalds endet. Wir haben echt eine Menge Spaß. Einzig unser Männergeschmack geht in zwei völlig verschiedene Richtungen, was in dem Fall sehr praktisch ist, weil das den einzigen Streitpunkt aus dem Weg räumt. Das Schöne ist, dass es nie etwas gab, wofür der andere kein Verständnis hatte. Es gab nie eine Situation, in der man unnötig diplomatisch sein musste und selbst wenn wir uns in seltenen Fällen mal nerven, gehen wir uns einfach ein paar Tage aus dem Weg und die Sache ist gegessen. Ich hätte nie gedacht, mal jemanden kennenzulernen, der mir in allen Dingen dermaßen ähnlich ist.

12.8.10 14:29


DAUERWELLE! DAUERWELLE!

Bine musste heute zum Friseur. Weil ich lieb bin und eh nichts Anderes zu tun hatte, kam ich als moralische Unterstützung mit.

Bine warnte mich noch, der Salon wäre etwas altbacken, aber das Preisleistungsverhältnis wäre unschlagbar. Mir was das ja egal. Nach meinem letzten Haarschnitt werd ich einen Friseursalon nie wieder als Kunde betreten. Ich erinner mich nur noch mit Grauen daran, dass ich danach aussah wie der kleine Bruder einer meiner Freunde.

Nunja, wir betraten den Laden und das, was Bine als "altbacken" bezeichnete, erinnerte mich eher an ein Altenheim. Gut ein Dutzend Omis zwischen 80 und 100 Jahren saßen auf den Friseurstühlen, die kurzen Beinchen über dem Boden schwebend. Es war grotesk! Ich hab in meinem ganzen Leben noch nie so viele Lockenwickler aufeinmal gesehen. Zumal es nicht reicht, die Haare einmal aufzuwickeln. Nein, nein. Erst werden sie mit irgendeinem Papier auf kleine Stäbchen mit Gummizug gewickelt und danach auf große Rollen, die mit langen, scharfen Nadeln erdolcht werden. Ich versteh nicht viel von der Friseurkunst, aber das erschien mir doch alles sehr suspekt.

Bine und ich waren nichtmal in der Lage, den Altersdurchschnitt runterzureissen. Es war, als hätte der Friedhof ein eigenes Wartezimmer.

Während ich also die vielen Omis dabei beobachtete, wie sie mit verkniffenen Gesichtern unter Trockenhauben, den flinken Händen der Friseurinnen oder mit Doppelkinn in die ergonomisch geformten Waschbecken gepresst dasaßen, kam mir eine Idee. Wenn ich die alterwürdigen Damen so betrachtete, wirkten ihre Haare vor der Behandlung mit scharfe Chemikalien, trockenheisser Luft aus den monströsen Föhnhauben und nadelgespickten Röllchen zwar wirr, aber die Augen blickten wachsam umher. Mit der Zeit wurde der Blick allerdings verklärter. War das vielleicht die Ursache für Altersdemenz? Weit hergeholt finde ich das nicht. Man kann doch eigentlich nur blöd werden, wenn einem ewig an den kurzen, feinen Härchen gezuppelt wird und es dürfte dem Verstand auch wirklich nicht zuträglich sein, wenn er erst mit Ammoniak umnebelt wird. Der letzte Rest gesunder Geist wird dann unter der Trockenhaube förmlich ausgekocht.

Meine Gedanken wurden unterbrochen, als Bine plötzlich vor mir stand. Ich konnte mir ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. Der Salon war WIRKLICH altbacken. Die Friseuse hatte Bine einen Pony verpasst, in den sie eine monströse Föhnwelle reingeknetet hatte. Ihre naturgewellten Haare waren auf einen Umfang auftuppiert worden, dass ich mir nicht sicher war, wie sie durch die Tür passen sollte. Sie sah aus wie Madonna Mitte der 80er Jahre.

Draussen packte Bine mich am Handgelenk. "Hilf mir mit dem Pony! Bitte!" Ich versuchte so gut wie möglich das überwältigende Volumen mit den Finger rauszuziehen, während Bine sich schleunigst einen Zopf machte. "Altbacken, was?" Dafür kassierte ich einen böse Blick.

Aber eins hab ich mir in diesem Vorhof zum Totenreich geschworen. Bevor ich so ende, erschiess ich mich freiwillig. Denn mit in Würde altern hatte das nichts zu tun.

15.6.10 20:53


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