Nachholbedarf, erster Akt: Familie

Eigentlich könnte ich meinen Blog nur mit Geschichten über meine Familie füllen.

Das Jahr hat angefangen. Vor einiger Zeit bereits. Es hat sogar relativ schön angefangen. So etwa bis zum 11.1., denn da rief Mama an. Das tut sie normalerweise nicht. Allerhöchstens zu meinem Geburtstag oder wenn was Schlimmes passiert ist. Ich hab am 19.3. Geburtstag. "Tante Anne hat sich umgebracht!" Ich musste mich spontan übergeben.

Vor zwei Jahren genau um die Zeit war meine Tante Josie mit 45 an einem Schlaganfall gestorben, eine Woche später wär mein Onkel fast drauf gegangen. Ich hatte dieses furchtbare Deja Vu. Eine Woche verging, es passierte nichts. Ich war erleichtert. Mama hatte versprochen, dass ich zur Beerdigung kommen darf. Ich wollte unbedingt. Sie war meine Patentante und ich hab als Kind so viel Zeit mit ihr verbracht.

Mama meldete sich nicht. Am 28.1., ihrem Geburtstag, rief ich artiges Kind an und gratulierte wie ein artiges Kind. Nebenbei fragte ich auch, wann die Beerdigung sei. Ich hatte das meinen Vater schon fast jeden Tag gefragt. Bei Mama traute ich mich nur zwei Mal pro Woche. "Die war bereits am Montag. Ich hab eine Woche versucht dich per SMS und auf dem Festnetz zu erreichen. Deinem Vater hab ich auch gesagt, er soll dir Bescheid sagen, wenn er dich erreicht." Soso... Ich durchwühlte meinen SMS-Speicher, verhörte meinen Vater, checkte meine Anruferliste und den Anrufbeantworter. Die 4 wussten von nichts. Eigentlich war mir das vorher schon klar.

Am 30.1. feierte Mama ihren Geburtstag. Ich durfte hinfahrn. Am Freitag hatte ich mich bereits um 5:50 auf den Weg gemacht. Um etwa 16:00 kam ich an. Papa stand am Bahnhof, etwas zu hager, müde, aber insgesamt fröhlich. Mir wird immer erst klar, dass ich ihn vermisse, wenn ich ihn sehe. Verfluchte 600irgendwas Kilometer! Aber damals war die Entscheidung klar. Entweder so weit weg, wie irgendmöglich oder über kurz oder lang völlig irre werden.

Wir machten einen kurzen Abstecher in diverse Möbelhäuser. Papa renoviert ebenfalls, aber nicht erst seit Kurzem. Bereits seit Jahren. Sowas bringt die Arbeit mit sich, wenn man 75 Cent pro Minute verdient. Ich war begeistert von den XXL-Möbeln, Papa auch. Wir fanden einen XXL-Massagesessel und schliefen beide fast ein.

Im Aldi gabs Wellness-Hosen. Papa meinte, ich hätte Wellness dringend nötig und schenkte mir eine. "Größe XS haben sie nicht. Aber warst du nichtmal mehr?" Klar war ich das, aber sowas bringt der Winter mit sich. Wir aßen Bananen zum Abendbrot. Sowas hatte es in all den Jahren nie gegeben. Erstaunlich, was sich alles verändern kann. Es hat uns Beiden nicht geschmeckt.

Ich hatte mich grade erst hingelegt, da war es Samstag. Mamas Feier... Wir fanden kein Geschenk. Dafür eine Karte "Das Klima erwärmt sich, die Polkappen schmelzen und die feierst eine Party?! Egoist! Darf ich auch kommen?" Papa fand sie lustig. Ich fand sie passend, auf die eine oder andere Art. Mama konnte drüber lachen. Ich schätze, sie hat nichts begriffen.

Ich traf auf meinen Onkel. Gott, war mir schlecht. Ich wusste nicht, was ich sagen soll. Mein Beileid? Jetzt noch? So plump... Aber ich musste nichts sagen. Es klärte sich später.

Mir war langweilig. Ich wollte keinen Alkohol trinken, auch wenn er vielleicht alles anders gemacht hätte. Ich unterhielt mich mit Papa über die Vorzüge eines technischen Studiums. Ingenieure werden gesucht. Mein Cousin Daniel schaltete sich ein. Er studiert ja auch bald, auf der Mies-van-der-Rohe-Schule. Aha. Ich war doch froh, nichts getrunken zu haben. So merkte ich wenigstens, was Alkohol aus ihm macht. 4 Jahre schulische Ausbildung sind kein Studium. Ich hab versucht ihm das zu erklären. Sinnlos... Er ist neun Jahre älter als ich, er hat immer Recht.

Ich versuchte mich weiter mit meinem Vater zu unterhalten. Ich versuchte ihm etwas aus der Schule zu erzählen. Ulf war ausgeflippt, das musste ich einfach nachahmen. Danach wurde es seltsam. Daniel beschimpfte mich. "Wie redest du mit deinem Vater?! Wenn du meine Tochter wärst, hätte ich dich längst verprügelt!" Was? Ich fühlte mich total überrollt. Was hatte ich denn gemacht? Ich versuchte mich zu verteidigen. Aber weswegen eigentlich? Dann kam der Hammer "Du warst mit 5 Jahren schon so arrogant. Eigentlich dürfte ich garnicht mehr mit dir reden, wenns danach ginge!" Das tat weh. Ich blieb ruhig. 4 Jahre haben wir uns nicht gesehn, wir haben uns noch nie unterhalten. An mein fünftes Lebensjahr kann ich mich nichtmal mehr erinnern. Er wütete weiter. Mir gings nicht gut, er tat mir weh. Ich blieb ruhig. Er hörte nicht auf. Ich blieb ruhig und wurde gemein. "Du hast grade 5 Minuten einer fast 21 Jahren währenden Vater-Tochter-Beziehung erlebt. Du hast nichts verstanden und einen Gesprächsfetzen völlig aus dem Kontext gerissen. Du versuchst das schamlos gegen mich zu verwenden, wegen Sachen, aus einer Zeit, an die ich mich nicht erinnern kann. Wer von uns Beiden ist hier arrogant?" Er ging. Endlich. Mein Onkel stand neben mir, er nahm mich in den Arm. Ich versuchte ihm die Sache mit der Beerdigung zu erklären. Es klappte nicht, er lächelte. "Es ist okay. Wir kennen deine Mutter beide." Ich wollte nur noch nach Hause, die ganzen 600irgendwas Kilometer.

10.2.10 22:21
 


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