Schwieriges Alter

Man sagt, das 3. Lebensjahr ist ein schwieriges Alter, weil Erinnerungsvermögen und all der Quatsch, der zum Mensch werden dazugehört, ausgebildet wird. Trotzphasen machen die lieben Kleinen zu unausstehlichen nervenfressenden Monstern.

Man sagt aber auch, das 6. Lebensjahr sei schwierig. Der Ernst des Lebens beginnt, man kommt in die Schule.

Die Jahre 11 bis 16 sind eh die Schwierigsten, weil die Pubertät jedes normale Sozialverhalten mit einem Kopfschuss in die ewigen Jagdgründe schickt.

Das 18. Lebensjahr ist auch schwierig. Die Pubertät klingt grade in ihren letzten Auswüchsen ab und man hat endlich die Freiheit, unsinnige Verträge abzuschließen, sich mit Wodka und Absinth legal ins Koma zu trinken und überhaupt und außerdem lastet die schwere Verantwortung der Volljährigkeit auf den noch nicht einmal ansatzweise erwachsenen Schultern.

Ich hab gestern mit Papa telefoniert. Er ist gestern 53 oder 54 geworden, so sicher bin ich mir da nicht. Wir sind beide etwas wehleidig. Er, weil er "schon wieder ein Jahr weniger" hat und ich, weil mir meine Schlafstörung, mein konfuses Essverhalten und überhaupt die Welt und deren Menschen langsam die Kräfte aussaugt. Wir jammern eben auch mal unbegründet.

Jedenfalls erklärte Papa mir mal wieder, dass 21 ja auch ein schwieriges Alter ist, er könne sich auch noch gut daran erinnern, wie er damals versucht hat, seinen Platz in der Welt zu finden.

Pauschal jedes Lebensjahr erzählte er mir, dass es ein schwieriges Alter ist und so langsam beginne ich mich zu fragen, welches Alter denn mal nicht schwierig ist.

Denn wenn ich Mama so beobachte, scheint 45 ein schwieriges Alter zu sein. Aber eigentlich ist Mama ein schlechtes Beispiel für sowas. Bei ihr weiß man eh nie so ganz, wie alt sie grade ist. Papas 53 oder 54 sehen ebenfalls nicht einfach aus und die fast 30 meiner ältesten Cousine scheinen ihr auch ziemlich zu schaffen zu machen. Das ist doch frustrierend.

Soll ich mir denn bis zu meinem Lebensende sagen, dass es eben ein schwieriges Alter ist? Ich denke nicht. Oma Inge sieht mit ihren 69 sehr zufrieden aus, dafür hat Oma Mimi mit 75 zwei künstliche Knie, ne neue Hüfte und beschwert sich den ganzen Tag darüber, dass ihre Wohnung ein Chaos ist.

Das gibt doch Hoffnung. Sobald ich 69 bin, wird sich die Zufriedenheit wie Gift in meinem Körper ausbreiten, mir ein seliges Lächeln aufs Gesicht zaubern und an meinem 75. Geburtstag wache ich mürrisch und nörgelnd auf, beschimpfe Kinder, die auf meinem Rasen spielen und wieder hat die Unzufriedenheit ihre Klauen um mich geschlossen. Was für Aussichten...

Am Arsch! Mein Alter ist nicht schwierig. Ich bin nicht schwierig! Nicht immer jedenfalls. Und eigentlich bin ich doch ganz zufrieden. Ich sehe jedenfalls keinen Grund, warum das anders sein sollte.

12.5.10 13:01
 


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