Ich muss ja ehrlich gestehen, ich versteh von Männern nicht viel. Ich versteh allerdings auch von Frauen nicht viel. Von Kindern schonmal garnicht. Pauschal kann man also behaupten, ich habe keine Ahnung von Menschen.

Das ist ein tragischer Umstand, denn es gibt ja nur etwas mehr als 6 Milliarden. Mein Glück ist allerdings, dass ich mit höchstens 50 regelmäßig zu tun habe und allenfalls ein paar 100 kenne. Dummerweise häufen sich meine Bekanntschaften besonders nach einem feuchtfröhlichen Wochenende und nicht selten sehe ich mich in der Fußgängerzone Fremden gegenüber, die nicht nur freundlich grüßen, sondern auch meinen Namen kennen. Ich hingegen wär in solchen Situationen schon froh, wenn ich wenigstens einen Bezug zum betreffenden Gesicht herstellen könnte. Hin und wieder kann ich das. Meistens bleibt mir das Gesicht genauso fremd wie vorher.

Peinlich ist es allerdings bei Stefan Haß. Ich kenn das Gesicht eigentlich sehr gut, denn ich habs mal geküsst. Begegne ich ihm auf offener Straße, müssen die Brechung der Sonnenstrahlen, Luftwirbel oder irgendwas seine Gesichtszüge derart verfälschen, dass ich ihn nicht erkenne. Das ist ziemlich blöde, denn so kann ich ihm nicht aus dem Weg gehen, was ich wirklich gerne tun würde. Denn Stefan hat dieses Talent, mir wirklich unangenehme Momente zu bescheren. Den Ersten gabs gleich 2 Wochen, nachdem ich ihn geküsst hatte und abgeblitzt war. Ich saß ihm eine halbe Std. im Zug gegenüber, hörte fröhlich Musik, als er mir ans Bein tippte und mich anmaulte, ich hätte wenigstens grüßen können. Mein Gedächtnis arbeitete auf Hochtouren und als gewünschte Erinnerung dann endlich gefunden war, kroch mir Tomatenröte vom Hals bis zu den Haarwurzeln. Gott sei Dank schob er den Vorfall auf meine Bockigkeit und ließ mich danach in Ruhe. Die zweite Runde in diesem dämlichen Spiel verlor ich wieder. Es war 6 Uhr in der Früh, ich saß am Oldenburger Markt, wartete auf einen Bus. Ich war müde, mir war schlecht und meine Laune lag irgendwo zwischen tot und tötlich. Ich wollte also wirklich niemanden kennen. Stefan stand wohl schon eine Weile hinter mir, räusperte sich irgendwann und sagte "Moin". Ich drehte mich um und starrte ihn verwirrt an. Bis der Groschen fiel, was um die Uhrzeit noch länger dauerte, als ohnehin schon. Diesmal war er wirklich beleidigt, bemühte sich aber um klare Verhältnisse und entschuldigte sich für den Abend, der schon Monate zurück lag. Meine Bemühungen beschränkten sich darauf, zu nicken und ihm nicht in den Schoß zu kotzen, denn die Busfahrt verlangte mir einiges ab. Ich bin kein guter Morgenmensch.

Carsten, mein Exfreund, zählt zu den Unvergesslichen. Unsere Beziehung fing körperlich an und blieb auf diesem Niveau. Ich kann zwar nicht abstreiten, dass es kribbelte, wenn ich ihn sah, aber die ganze Schose "Beziehung" zu taufen, ist auf seinem Mist gewachsen. Was er sich dabei gedacht hat, wusste er vermutlich selbst nicht. Aber das war auch egal, wir kamen gut aus. Das ganze hielt ungefähr 3 Monate und zeichnete sich dadurch aus, dass ich viel Zeit im Zug verbrachte und danach mit unheimlich gutem Sex belohnt wurde. Wirklich Schluss gemacht haben wir nie. Es herrschte nur plötzlich ein Jahr Funkstille, mit der wir beide gut leben konnten. Jetzt ist es so, als wäre nie etwas gewesen. Ich mag ihn dafür. Er ist herrlich unkompliziert.

Mit Timo lief das leider nicht so. Ihn habe ich wirklich über alles geliebt und hätte vermutlich alles stehen und liegen gelassen, wenn er mich darum gebeten hätte. Wir hatten eine tolle Zeit. Aber auch die war irgendwann vorbei und danach wurde es wirklich schwierig. 2 volle Monate oder länger hingen wir noch aufeinander, einzig und allein deshalb, weil ich nicht loslassen konnte und er sich vor der Konsequenz fürchtete, zu gehen. Wenn ich ihn jetzt sehe, ist es eine Mischung aus Freude und Übelkeit. Wir gehen derart vorsichtig miteinander um, als wäre das "gute Verhältnis", was wir erzwungenermaßen führen, zerbrechlicher als Glas.

Dann wäre da noch Benni. Benni ist einer der wichtigsten Menschen, was sich hauptsächlich daraus begründet, dass ich ihn seit über 10 Jahren kenne. Das macht ihn zu einer der wenigen Konstanten in meinem Leben und dafür bin ich ihm echt dankbar. Es ist ein kleines Wunder, dass er es überhaupt schon so lange mit mir aushält, denn ich war nicht immer wirklich nett oder freundlich. Er behauptet, meine Launen würden den Umgang mit mir spannender machen. Schuldgefühle und Gewissensbisse sind zwar nicht die Art von Spannung, die ich bevorzuge, aber eigentlich hat er Recht. Wäre es nicht ein ewiges Hin und Her, wäre ihm das alles wahrscheinlich längst zu langweilig geworden. Er würde jedenfalls alles für mich tun, was er schon viel zu oft unter Beweis gestellt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob ich einen Menschen jemals so oft verletzt und enttäuscht habe.

Diejenige, die sich mit meinen Verfehlungen und Unfällen rumschlagen darf, aber trotzdem immer wieder einen Weg findet, den Witz in der Sache zu erkennen, ist Bine. Wir haben uns vor etwas mehr als 2 Jahren in dieser wahnsinnigen Grone-Schule kennengelernt. Nach weniger als einer Stunde hatten wir beschlossen, uns sehr sympathisch zu finden. Seitdem ist viel passiert und wir haben einiges miteinander durchgemacht. Bines Tiefpunkt folgte wenige Monate auf meinen. Irgendwie schafften wir es, uns gegenseitig wieder aufzurappeln und das hat das marginale Vertrauen, das zuvor bestand, in eine der wenigen ernsthaften Mädchenfreundschaften verwandelt, die mir wirklich gut tun. Rein äußerlich könnten wir nicht gegensätzlicher sein, aber unsere Charaktere und Eigenschaften, Interessen und Leidenschaften liegen derart eng beieinander, dass es manchmal schon fast gruselig ist. Wir haben das unschlagbare Talent, jeden auf die Dauer irre zu machen und die verfeierten Nächte oder gemütlichen Abende finden immer im gegenseitigen Einverständnis statt. In der Schule galten wir recht schnell als dynamisches Duo und wenn wir auch für den Löwenanteil der Unterrichtsstörungen sorgten, waren die Lehrer doch immer ganz froh, wenn wir da waren. Eigentlich leidete jeder mal unter unseren seltsamen Ausbrüchen. Wir hatten die Leute schon ganz gut im Griff. Aber auch außerhalb der Schule hatten wir viel miteinander zu tun, haben es auch jetzt noch. Schon unsere Shopping-Eskapaden sind legendär. Denn sie weckte mein Verlangen nach immer mehr Schuhen und ich zwinge sie durch meine Spontanität regelmäßig zu irgendwelchen Ausflügen zu Takko oder Jawohl, was danach meist mit diversen Paaren neuer Schuhe und Kleidungsstücken in einer Fastfood-Orgie bei Mc Donalds endet. Wir haben echt eine Menge Spaß. Einzig unser Männergeschmack geht in zwei völlig verschiedene Richtungen, was in dem Fall sehr praktisch ist, weil das den einzigen Streitpunkt aus dem Weg räumt. Das Schöne ist, dass es nie etwas gab, wofür der andere kein Verständnis hatte. Es gab nie eine Situation, in der man unnötig diplomatisch sein musste und selbst wenn wir uns in seltenen Fällen mal nerven, gehen wir uns einfach ein paar Tage aus dem Weg und die Sache ist gegessen. Ich hätte nie gedacht, mal jemanden kennenzulernen, der mir in allen Dingen dermaßen ähnlich ist.

12.8.10 14:29
 


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