Flüchtig

Hachja, ich bin ein Feigling. Prinzipiell ist das nichts Schlimmes, glaube ich. Vermutlich, nein, eigentlich absolut sicher fürchte ich mich vor den falschen Dingen oder aber ich wehre mich so sehr dagegen, dass meine Ängstlichkeit zu den falschen Momenten ausbricht und es gefährlich wird. So kam es auch, dass ich in Osnabrück aus dem ersten Stock eines Wohnhauses gesprungen bin.

Kevin war damals einer meiner engsten Vertrauten, auch wenn ich ein bisschen Schiss vor ihm hatte. Kevin war riesig und wenn er betrunken war, bekam er die totale Marie-Paranoia. Marie war damals das Mädchen, in die er vor Anja und nach Saskia verknallt war. Kevins Gefühle waren ebenfalls riesig. Wir waren also im Hyde Park, ich war betrunken, Kevin war betrunken und sein komischer Kumpel, den wir liebevoll "Die Pussy" nannten, war nüchtern.

Als wir in der Wohnung der Pussy waren, hatte ich schon einen Zustand völliger Reizüberflutung, denn Kevin hatte mich immer wieder an sich gezogen, weil er meinte, mich vor Fledermäusen, Autos und der Pussy selbst zu beschützen. Die totale Panikattacke bekam ich allerdings, als Kevin anfing, die Pussy anzuschreien und die Pussy mich daran hinderte, einfach aus der Tür zu laufen. Also rannte ich ins Schlafzimmer, dunkel in Erinnerung habend, dass ein Baugerüst vor dem Fenster steht, riss Selbiges auf und hüpfte heraus. Ich landete bäuchlings auf dem Gerüst, krabbelte runter, ging durch mehrere Hecken und über mehrere Zäune und stand irgendwo in Osnabrück. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wo ich war und es schüttete wie aus Eimern. Gott sei Dank hatte ich einen Freund bei der örtlichen Polizei, der mich abholte, nach Hause fuhr und mir vermutlich sofort bescheinigt hätte, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hab.

Das war nicht das erste Mal, dass ein Mann mir einen derartigen Schrecken eingejagt hat, dass ich Hals über Kopf die Flucht ergriffen habe.

Es war fast wieder so weit, als vor einiger Zeit mit Matze verabredet war. Matze ist ebenfalls riesig und ich hatte auch ein wenig Muffe vor ihm. Wir hatten uns einige Filme angeguckt und ich hatte ein paar Flaschen Mischbier getrunken. Jedenfalls genug, um nicht mehr fahrtüchtig zu sein. Gegen 2 fragte Matze, ob ich mit bei ihm im Bett schlafen will oder lieber auf der Couch. Mir war das zu dem Zeitpunkt völlig egal. Ich war müde und angetrunken. Matze war so nett, mir Shorts und ein T-Shirt zu leihen.

Keine 10 Minuten später lag ich neben ihm und spürte dieses altbekannte flaue Gefühl. Normalerweise bahnt sich kurz darauf eine Katastrophe an. Ich lag da also, neben einem Typen, den ich kaum kannte, trug seine Klamotten und wusste nichtmal, ob er nicht möglicherweise eine Vollmeise hat und mit mir sonst was anstellt. Matze ist allerdings sensibler, als er aussieht. "Falls ich irgendwas mache, dass dir nicht passt oder du Angst vor mir hast, brauchst du nur einen Ton sagen." Verdammt! Ich bin normalerweise gar nicht so schlecht im Täuschen und Tarnen, aber in dem Fall war's wohl gut, dass er mich durchschaut hatte. Andernfalls hätte ich wohl mitten in der Nacht, in Shorts und T-Shirt irgendwo in Kiel gestanden und sonst was Dummes angestellt.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass das eigenartig klingt. Insbesondere, wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass ich mir auch vorher schon Gedanken darum machen könnte, ob mir jemand  oder etwas gefährlich werden könnte, oder nicht. In dem Punkt bin ich wohl einfach zu leichtsinnig

Drastisch wird es erst, wenn ich der Meinung bin, ich könnte verliebt sein. Ich wehre mich gegen dieses Gefühl. Immer. Ziemlich erfolglos, muss man dazu sagen. Schon bei dem ersten Anzeichen von Schmetterlingsflügelschlag in der Bauchgegend werde ich gradezu hysterisch. Betreffende Person bekommt davon nicht viel mit, mein engster Freundeskreis spürt die komischen Schwingungen wahrscheinlich schon, bevor ich selbst weiß, was los ist. Bei Bine hab ich zeitweise sogar das Gefühl, dass sie weiß, was ich denke, bevor ich darüber nachgedacht habe. Sie nennt es meine Tremor-Phase. Das erklärt sich daraus, dass ich angespannt wie ein Flitzebogen durch die Tage zittere und nicht eine Minute still sitzen kann. Ich bekomm davon nie viel mit, weil ich erste Anzeichen von egal was mit allen Mitteln verdränge. Zur Not mit einer Menge Alkohol. Es ist nicht gerade förderlich, dass Bine mich besonders in punkto Alkohol tatkräftig unterstützt. Denn meistens bewirkt diese Verdrängungstaktik das genaue Gegenteil. Falsch ausgeführt rede ich wie ein Wasserfall über alles, was mich bewegt und kann mich am nächsten Morgen noch haarklein an den ganzen Mist erinnern. Danach leide ich ganze Wochen an Hypernervosität und mein Vegetativum dreht förmlich durch. Das kann echt üble Bauchschmerzen geben. Aber statt dem Debakel ein Ende zu bereiten und einfach mit betreffender Person über meinen spontanen Hormonrausch zu reden, entwickel ich ein Art multiples Verhaltensmuster. Unbewusst, versteht sich. Ich kann mich da nur auf Beobachtungen Dritter verlassen.

Das Ziel des Autoterrors ist dabei eigentlich, mich vor möglichen Verletzungen zu schützen. Zu behaupten, dass es funktioniert, wäre allerdings zu viel des Guten.

 

10.5.11 11:25
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen